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Rede des Schulleiters anlässlich der Abiturzeugnisvergabe 2010

Abiturienten-Entlassung 2010        „Perspektivenwechsel“

 

Kinder werden groß – man hat sie lieb – man lässt sie los.

 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

liebe Eltern, Angehörige, Ehemalige und Freunde,

liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Gäste!

Ich begrüße Sie sehr herzlich zur Verabschiedung des Abitur-

Jahrgangs 2010 - vor allem Sie, die Sie vor 9 oder 10 Jahren

hier als Fünftklässler anfingen – da waren Sie kleine Kinder.

Kinder werden groß – man hat sie lieb – man lässt sie los.

 

Erste Abteilung: Kinder werden groß.

Dazu kann ich Ihnen versichern, dass es keine Rolle spielt, ob Sie

in der lichten Höhe nun 1,65 oder 1,85 Meter gewachsen sind,

sondern dass nur eines von Interesse ist: dass Sie erwachsen

geworden sind. Von allen können wir das wohl noch nicht

behaupten, aber Männern gibt man ja heute Zeit bis 40 ….

 

Zweite Abteilung: Kinder werden groß – man hat sie lieb.

Man hat sie lieb? Das mag ja gelten für Eltern, Geschwister,

oder Freunde - aber für Lehrer?

Von dem griechischen Philosophen Aristoteles wird berichtet,

dass er einen neuen Schüler nach wenigen Tagen mit der

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Begründung nach Hause schickte:

Ich kann ihm nichts vermitteln - er mag mich nicht.

Ein solcher Satz klingt ungewöhnlich in Zeiten, in denen es auf die

persönliche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler nicht mehr

anzukommen scheint: Die Erfinder der Pädagogik unserer Tage

fordern, der Lehrer solle, wann immer möglich, völlig zurück-

treten, bei seinen Schülern weitestgehend selbstständige und

selbstbestimmte Lernprozesse initiieren und moderieren und

allenfalls hier und da mal einen Impuls geben.

Ich habe das immer irgendwo für Blödsinn gehalten.

Vor vielen Jahren, als ich Studienleiter für Chemie war und es zu

meinen Aufgaben gehörte, die Referendare in die Didaktik und

Methodik des Chemieunterrichts einzuführen, gab es einen

Chemiedidaktiker, der allen Ernstes die Lehrmeinung vertrat,

dass Schüler ihre Experimente Tage und Wochen im Voraus völlig

selbstständig planen und sie dann durchführen und auswerten

könnten – und zwar mit Geräten, die sie vorher noch nie gesehen

haben und mit ihnen völlig unbekannten Substanzen.

Wie gesagt: Blödsinn!

Die Wirklichkeit sieht so aus, dass bis zu oder sogar über 30

Kinder oder Jugendliche in einem Klassenraum sitzen und

nach vorn schauen auf den Lehrer, der ihnen etwas beibringt.

 

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Ich weiß,  liebe Abiturienten und Abiturientinnen, dass es

Ausnahmen gab, aber so sah auch Ihre Schulwirklichkeit im

Regelfall aus. Und in einem solchen klassischen oder auch

archaischen Szenario der Wissensvermittlung kommt es schon

auch auf die Liebe an: im Sinne von „annehmen“.

In dem Roman „Der Club der toten Dichter“ klettert der

Englischlehrer John Keating auf seinen Tisch und lässt

seine Schüler Gleiches tun. Er will ihnen auf diese Weise

verdeutlichen, wie aufschlussreich und wichtig es ist, seinen

Blickwinkel, seine Sichtweise, die Perspektive und damit seine

Denkrichtung gelegentlich zu wechseln, um nicht in

eingefahrenen Denkweisen und Gewohnheiten zu verharren.

Und darum geht es mir heute – ich werde Sie in den nächsten

10 Minuten wiederholt zum Wechsel der Perspektive einladen.

Erinnern wir uns an Keatings Turnübung und steigen wir auf den

Tisch.  Wenn in den letzten Jahren Schüler für bessere

Bildungsmöglichkeiten demonstrierten und kleinere Klassen

forderten, dann nicht nur, damit ihre Bildungsvoraussetzungen

verbessert werden, sondern auch und erst recht, damit sie in

ihrer Persönlichkeit und Entwicklung von uns Lehrern besser

wahrgenommen werden können, damit sie Aufmerksamkeit,

Gesprächsbereitschaft und Zuwendung bekommen.

Das ist die Perspektive der Schüler. Und nun: runter vom Tisch,

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betrachten wir das jetzt mal aus dem Blickwinkel der Lehrer:

Wie um Himmels willen sollen wir diese unerzogenen, frechen,

scheinbar verhaltensgestörten Monster der 5. und 6. Klassen

gern haben, deren Bewegungsdrang kaum zu bremsen ist?

Und wenn sie älter geworden sind, sich in den Klassen 7 bis 11

im Drogenrausch der Pubertätshormone gleichgültig, supercool,

provozierend und aufsässig verhalten?

Und wenn Sie es denn bis in die Oberstufe geschafft haben und

sich ihre Entschuldigungen selbst schreiben dürfen und dann -

mit signifikanter Häufung am Montagmorgen und am

Freitagmittag - von rätselhaften Erkrankungen heimgesucht

werden und damit uns - ihren Lehrern - demonstrieren,

dass unser Unterricht es nicht wert ist, besucht zu werden?

Ihnen ist sicher nicht verborgen geblieben, dass meine

Schilderung der Schüler sehr einseitig ist und dass ich Ihre

liebenswerten Seiten unterschlagen habe:  Ihr Interesse,

Ihre Motivation, Ihr Engagement, Ihr Einsatz für die Schule,

Ihre Fröhlichkeit, Ihre Freundlichkeit und Ihr Vertrauen zu uns.

Vor vielen Jahren haben wir Lehrer im „Erkenne dich selbst“

unserer Berufswahl auf zwei Fragen mit „ja“ geantwortet:

1) Willst du wirklich dein Berufsleben mit lauten, schlecht

erzogenen und anstrengenden Kindern verbringen?   Und:

 

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2) Hast du etwas oder kannst du etwas, was dir so wichtig

ist, dass du es Kindern und Jugendlichen immer wieder aufs Neue

erklären möchtest?  Dazu haben wir „ja“ gesagt, das heißt, wir

haben uns entschieden, Sie zu mögen, unsere Zeit mit Ihnen

zu verbringen, und wir haben uns entschieden, dass wir Ihnen

gern etwas beibringen und dass jeder einzelne von Ihnen uns als

Person und Individuum interessiert und uns wichtig ist.

Steigen wir zu diesem Gedanken doch wieder auf den Tisch

und wechseln wir noch einmal die Perspektive:

Wie, werden Sie sagen, sollen wir die Lehrer gern haben,

die nach einem Jahr immer noch Christine statt Christina sagen,

die ihren Beruf verfehlt haben, die ihre Minderwertigkeits-

komplexe und ihre schlechte Laune an uns Schülern auslassen,

die langweiligen Unterricht machen und uns dafür schlechte

Noten geben?

Sie haben gemerkt, dass auch meine Darstellung der Lehrer

einseitig gewesen ist?   Wir Lehrer wissen nämlich, dass wir

Ihnen mitunter Unrecht tun, immer wieder unseren Rotstift

schwingen, Ihnen Ihre Defizite aufzeigen, Sie auf Ihre Mängel

hinweisen und Ihnen damit Kränkungen zufügen, und wir wissen

auch, dass wir Sie im täglichen Miteinander unabsichtlich kränken

durch das, was wir sagen oder wie wir es sagen und durch das,

was wir nicht sagen –

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und das in Phasen Ihrer Entwicklung, in denen Sie sehr verletzlich

sind, was Sie hinter Coolness, Schnodderigkeit, spätpubertärem

Imponierverhalten nicht wirklich vor uns verstecken können.

In diesem Zusammenhang wäre mir eines sehr wichtig:

Schüler sollten ihre Kritik oder Ihr Lob nicht bei youtube

oder spickmich.de äußern.

Wir wechseln wieder einmal eben den Blickwinkel:

Ich finde es schlichtweg irrsinnig, dass es im Rahmen der

Schule aus Gründen des Schutzes Ihrer persönlichen Daten z.B.

verboten ist, bei der Verkündung der Ergebnisse der mündlichen

Abiturprüfung Ihre Noten vor der Gruppe laut zu nennen,

während weltweit Noten für Lehrer anonym ins Netz gestellt

werden können, die unter Umständen aus haltlosen Gerüchten

bestehen, aber für jeden abrufbar sind.

Wir wissen, dass es sich mit der Abizeitung gelegentlich sehr

ähnlich verhält: Feigheit, wo es drauf angekommen wäre,

und verunglimpfen, wenn einem nichts mehr passieren kann.

Wo wir gerade bei den Wünschen sind – noch einmal eben

schnell auf den Tisch und die Blickrichtung gewechselt:

Eine differenzierende Betrachtung des Misserfolgs wäre ebenfalls

ein lohnendes Ziel:  Verflixt - jetzt habe so viel gelernt und habe

trotzdem nur 4 Punkte geschafft.  Das ist etwas ganz anderes als:  

Der hat mir 4 Punkte rein gehauen.

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Mein Fazit aus alledem lautet:

Klettern Sie doch ruhig öfter auf die Tische, um die Blick- und

damit auch die Denkrichtung zu wechseln!

 

Beenden möchte ich diese zweite Abteilung mit einem

französischen Sprichwort:

„Lerne, deine Kränkungen in den Sand zu schreiben, aber deine

Freuden in Stein zu gravieren!“

 

Kinder werden groß – man hat sie lieb – man lässt sie los.

Dritte Abteilung: Man lässt sie los.

Ich habe Sie vor 9 Jahren hier im familiären Kreis unseres TGL

begrüßt und willkommen zu heißen.

Am Ende der Einschulungsfeier habe ich zu Ihnen, liebe Eltern,

gesagt:  „Nun sind Sie sie los!  Und wenn wir uns hier in diesem

Kreise wieder treffen, sind Ihre Kinder 18 oder 19 Jahre alt,

junge Erwachsene mit dem höchsten Schulabschluss, den unser

Schulsystem zu vergeben hat, auf ihrem Weg hinaus ins Leben“.  

Und wir wissen aus vielen Rückmeldungen, die uns immer wieder

erreichen und über die wir  uns auch immer wieder freuen, dass

diese Wege unserer Schüler oft weit, sehr weit, nach Amerika,

nach Asien, nach Australien, Neuseeland oder gar bis an den

Südpol führen können.

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Damals -  vor 9 Jahren - freuten wir Lehrer am TGL uns auf die

Aufgabe, Sie zu selbstständigen, kritischen, und verantwortungs-

bewussten Menschen zu erziehen.

Wir hofften, Sie nach Ablauf der uns dafür zugemessenen Zeit,

die hier und heute abläuft, als kommunikations- und teamfähige

Erwachsene entlassen zu können, die nicht auf sprachlich debile

Manipulationen hereinfallen, die Ihre Jahre nicht vertrödeln und

die Dinge anpacken.

Das gelingt uns zwar nicht immer in allen Fällen, aber :

Wir geben unser Bestes.

Und heute freuen wir uns wieder – mit Ihnen und mit Ihren

Angehörigen: darüber, dass Sie das erste richtig große Ziel

in Ihrem Leben nun erreicht haben: eine abgeschlossene und

qualifizierte Schulausbildung.

 

Und als Ausdruck dieser Freude

- gratuliere Ihnen gern ein weiteres Mal zur bestandenen

  Abiturprüfung,

- danke ich den Lehrern, die Sie hier hin gebracht haben,

- wünsche ich Ihnen allen heute einen Tag, an den Sie sich

  gern zurück erinnern mögen,

- und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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